Der Autoscooter: Vom amerikanischen Fahrspaß zur Kirmes-Tradition in NRW
Jeden Monat stellen wir hier ein Objekt aus der Sammlung des Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalen vor
Aus den USA nach Düsseldorf
Der Autoscooter wird Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten erfunden und entwickelt sich dort schnell zu einem beliebten Fahrgeschäft. In Deutschland wird er erstmals 1926 auf der Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei) in Düsseldorf präsentiert. Mehr als 7,5 Millionen Besucherinnen und Besucher strömen auf das rummelähnliche Ausstellungsgelände und erleben ein völlig neues Fahrvergnügen. Spätestens seit den 1960er Jahren ist der Autoscooter von keiner Kirmes mehr wegzudenken.
Das größte Volksfest in NRW
Der Autoscooter steht sinnbildlich für das Brauchtum der Volksfeste in Nordrhein-Westfalen und führt direkt zur Cranger Kirmes in Herne – dem größten Volksfest des Landes und dem zweitgrößten in Deutschland. Jährlich zieht es über vier Millionen Menschen auf den elf Hektar großen Festplatz am Rhein-Herne-Kanal im Stadtteil Crange. Rund 500 Schausteller bieten hier an elf Tagen zahlreiche Fahr-, Schau- und Laufgeschäfte an. Am ersten Freitag im August eröffnet der Bürgermeister von Herne traditionsgemäß das Volksfest mit dem Fassanstich. Er ruft „Piel op no Crange!“ (Plattdeutsch: „Auf nach Crange!“), woraufhin elf Böllerschüsse den offiziellen Start markieren.
Ursprünge im Mittelalter
Die Anfänge der Cranger Kirmes bleiben bis heute unklar und geben Raum für Spekulationen. 1703 erwähnt ein preußisches Regierungsdokument erstmals ein Jahrmarktrecht in Crange und verweist auf eine bereits rund 200 Jahre währende Tradition, die bis ins 15. Jahrhundert reicht. Oft wird aber ein noch älterer Ursprung in einem Pferdemarkt vermutet.
Einen Bezugspunkt bildet die Belehnung des Hauses Crange im Jahr 1441 und der Bau der Laurentiuskapelle wenige Jahre später. Da der Begriff „Kirmes“ von „Kirchmess“ (Kirchweihmesse) stammt, liegt es nahe, die Einweihung der Kapelle als Beginn zu sehen. Auch die Erwähnung der „Freiheit Crange“ von 1484, die mit einem Marktrecht verbunden ist, könnte diesen Ansatz stärken. Es ist zu vermuten, dass in diesem Zeitraum auch die Entwicklung der Kirmes ihren Lauf nahm, jedoch ist der Ursprung der Cranger Kirmes historisch nicht eindeutig geklärt.
Klassiker der Kirmestradition
Fest steht, dass sich die Cranger Kirmes über Jahrhunderte zum größten Volksfest in Nordrhein-Westfalen etabliert hat – und dass der Autoscooter auch nach fast hundert Jahren nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt hat. Doch nicht nur in Herne, auch andernorts prägt die Kirmestradition das kulturelle Leben: die Düsseldorfer Rheinkirmes, Pützchens Markt in Bonn, das Libori in Paderborn, die Allerheiligenkirmes in Soest oder der Münsteraner Send.